Als der Wind wieder atmete

The First of June

Isla atmete tief ein und merkte wie sich die Entspannung mehr Raum verschaffte. Der Platz roch nach Suppe, geräuchertem Fisch, frischem Brot – und nach Apfel und Zimt.

Der Platz füllte sich schneller, als Isla es erwartet hatte. Die Suppe wurde in tiefe Schalen geschöpft, dampfend, mit grob geschnittenem Brot dazu serviert. Neben der Theke lag geräucherter Fisch auf Holzbrettchen, daneben kleine Törtchen, Butterkuchen, Marmelade in alten Gläsern. Kinder liefen mit Limonade herum, verschütteten die Hälfte und lachten darüber.

Als die Geige ein richtiges Stück anstimmte, setzte das Akkordeon ein, diesmal sicherer. Jemand klopfte mit dem Fuß den Takt. Zwei ältere Frauen schoben die Tische zur Seite und plötzlich entstand mitten auf dem Platz eine kleine Tanzfläche.

Es wurde getanzt, jemand sprang viel zu hoch, jemand anders viel zu spät und über allem lag dieses helle, ungebremste Lachen, das man nur hört, wenn niemand mehr auf sich achtet. Es war ein Zusammenfinden. Hände wurden gereicht, jemand zog jemanden in die Mitte, ein Paar drehte sich zu schnell und stieß beinahe gegen die Bänke. Wieder wurde gelacht. Laut und ungezwungen. Isla stand zunächst an der Theke, doch das hielt nicht lange.

„Das ist Isla“, hörte sie Fiona sagen, als hätte sie sie längst erwartet. „Sie wohnt im Old Hearth.“

 

„Ach, das alte Haus“, meinte jemand. „Da war doch das Dach fällig.“

„Sie hat es machen lassen“, sagte ein anderer. „Sieht gut aus.“

Und plötzlich wurde sie von Hand zu Hand weitergereicht. Hier ein Händedruck, dort ein Name. Ein Bruder, ein Onkel, die Cousine, die nur im Sommer zurückkommt. Der Fischer stellte sie seiner Frau vor. Die Frau mit den Töpfen fragte, wie sie die Scones gewürzt habe. Ein junger Mann mit Sommersprossen wollte wissen, ob Hutch immer so ruhig sei.

„Sie bleiben also“, sagte jemand.

„Ich denke schon“, antwortete Isla.

„Gut“, kam es zurück.

Ein Sturm aus Fell und Begeisterung

Old Hearth lag im Dämmerlicht und die Fenster waren dunkel.

Und davor eine Gestalt mit verschränkten Armen. Selbst aus der Entfernung konnte Isla erkennen, dass sie nicht amüsiert war. Das Haar vom Wind zerzaust, den Jackenkragen hochgeschlagen, der Koffer neben ihr wie ein stiller Zeuge ihrer Geduld. 

Isla wurde langsamer. „Sag nichts“, rief sie atemlos, noch bevor sie ganz oben war. Francis zog eine Augenbraue hoch. „Ich sage doch gar nichts“, erwiderte sie trocken. „Ich überlege nur, ob ich hier einziehen soll oder wieder zurück nach London fahre.“

 

Hutch trottete an Isla vorbei und erstarrte. Einen Herzschlag lang stand er da, als hätte sein Körper schneller begriffen als sein Kopf. Dann hob er den Kopf, die Rute begann zu schlagen, erst vorsichtig, dann unkontrolliert.

„Oh, nein“, murmelte Isla.

Zu spät.

Mit einem tiefen, freudigen Laut setzte Hutch sich in Bewegung. Ein schwarzer Sturm aus Fell und Begeisterung. Er warf sich gegen Francis, die nur noch ein halb empörtes „Hutch!“ herausbrachte, bevor sie rückwärts einen Schritt machen musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Koffer kippte um. Hutch stellte sich auf die Hinterbeine, die Vorderpfoten gegen ihre Jacke, seine Rute peitschte wie ein Metronom außer Kontrolle, sein ganzer Körper vibrierte vor Freude. Francis lachte, erst widerwillig, dann wirklich. „Du riesiger, haariger Verräter“, murmelte sie und vergrub eine Hand in seinem Fell. „Kaum bin ich weg, läufst du schon herausgeputzt mit grünem Halstuch herum.“ Hutch antwortete mit einem tiefen, glücklichen Brummen und versuchte, ihr Gesicht abzuschlecken.

Der Weg zu Vi

Die Wiesen waren noch feucht vom Tau. Der Himmel hatte sich inzwischen geöffnet, ein blasses, ehrliches Blau lag über den Hügeln.

Sie gingen Richtung Feensee, mit dem Gefühl, dass Bewegung heute besser war als Sitzen. Das Gras stand hoch im Juli und es streifte ihre Beine bei jedem Schritt. Die Wärme legte sich weich auf die Haut, wie eine Hand, die sich ruhig auf den Rücken legt. Es war windstill. Und ungewöhnlich still.

Kein Rauschen in den Hügeln und kein Zittern in den Gräsern. Die Highlands lagen da, weit und offen. 

Zwischen den Steinen wuchs wilder Thymian und wenn man darüber ging, löste sich dieser herbe, würzige Duft. Weiter oben am Hang blühte Lavendel, die Farbe wirkte fast zu kräftig für die Zurückhaltung der Landschaft, ein gedämpftes Violett, das sich gegen das Grün behauptete, ohne es zu überdecken.

Hutch lief voraus, eher prüfend. Er blieb stehen, drehte sich nach ihnen um und wartete. Der Himmel war klarer als am Morgen, ein helles Blau, das sich weit spannte, ohne von Wind bewegt zu werden. In der Ferne lag das Meer wie mattes Metall, glatt und unbewegt.

Ihre Schritte im Gras klangen weich und waren kaum hörbar.„Vielleicht ist das das Schwerste“, sagte Francis irgendwann. „Nicht helfen zu können.“

„Wir haben geholfen.“

„Für den Moment.“

Isla nickte. „Manchmal ist der Moment alles.“

Am See war es still. Das Wasser lag glatt und Francis ließ sich auf einen flachen Stein fallen. „Ich habe gedacht, wir könnten alles mit Struktur lösen.“

 

 

„Manches braucht auch Zeit“, sagte Isla.

„Und Geduld. Und Kräuter?“

Isla sah sie an. „Vielleicht.“

Francis schnaubte. „Wenn ich noch einmal jemanden sagen höre, dass Kamillentee alles heilt, werde ich aggressiv.“

„Vi ist nicht Kamillentee.“

„Nein“, sagte Francis leise. „Sie ist … anders.“

Hutch legte sich ins Gras und wirkte zufrieden. Isla spürte, wie sich etwas in ihr ordnete. Als eine Richtung.

„Ich gehe zu Vi“, sagte sie schließlich.

Francis sah sie an. „Jetzt?“

„Ja.“

„Soll ich mit?“

Isla überlegte kurz. „Komm mit.“

Sie gingen hinunter zum Strand. Eben noch war Hutch gemächlich neben ihnen hergetrottet, zufrieden und mit diesem ruhigen Neufundländer-Tempo. 

Dann sah er plötzlich das Meer.

Hutch blieb abrupt stehen, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Er hob den Kopf, sog die Luft ein, tief und ausgiebig, als müsse er prüfen, ob das wirklich echt war. Sein ganzer Körper spannte sich an, voller Vorfreude wie ein Kind, das etwas erkennt, bevor es weiß, dass es darf.

„Oh, oh nein“, sagte Francis. „Nein, der wird doch nicht, Is doch er …“

Isla kam gar nicht mehr dazu zu antworten.

Hutch setzte an zum Sprint ohne vorher noch einmal zu Isla zu blicken und lief los. So wild und schnell hatte Isla ihn noch nie rennen sehen. 

„Der kann ja richtig schnell rennen“, sagte Francis voller Staunen. 

Wenn Hutch das Meer entdeckt

„In der Tat das kann er“, konnte Isla nur noch staunend zurückgeben. Ohne dass seine Pfoten bewusst den feuchten Sand trafen, war sein Körper bereits im Wasser. Es erreichte nur kurz seine Beine, denn er zögerte keine Sekunde und lief weiter, tiefer hinein in das kalte Nasse und ließ sich davontragen. Er schwamm kraftvoll und selbstverständlich, als hätte er das schon immer so gemacht. Sein Kopf blieb ruhig über dem Wasser, das dunkle Fell glänzte, während er mit gleichmäßigen Bewegungen durch das Meer glitt. Er schwamm ein sehr weiters Stück hinaus ins offene Meer, dass Isla Angst bekam. 

„Oh nein, Hutch“, rief sie voller Sorge. „Der wird doch wissen, dass er nicht so weit raus schwimmen darf oder“, fragte sie Francis besorgt. 

„Das hoffe ich, weil ich gehe da nicht rein und hole ihn wieder raus.“ 

„Er ist … “, begann sie und brach ab, weil ihr nichts einfiel, dass es besser traf als das, was sie sah. „In seinem Element“, sagte Francis. 

Nachdem Hutch ein weites Stück hinaus geschwommen war drehte er eine Runde und schwamm wieder in Richtung Strand. Dann tauchte er mit der Schnauze kurz unter, als müsse er den Meeresboden prüfen. Isla blieb der Atem stecken, „oh nein, er wird doch nicht. Hutch“, rief sie wieder. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte er wieder auf, Isla war erleichtert und atmete erst einmal tief durch. Hutch stapfte tropfnass und sichtbar zufrieden aus dem Wasser, stellte sich direkt vor Isla und schüttelte sich mit voller Überzeugung. Wasser spritzte in alle Richtungen.

„Danke“, sagte Isla trocken. „Ich wollte eh duschen.“

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