Wo das Leben bleibt – Band 2 | Eve J. Drayton

Als Isla in die Praxis zurückkehrte, saß Mr. MacMillan im Wartezimmer vornübergebeugt auf einem der Stühle, die verletzte Hand noch immer in das durchgeblutete Handtuch gewickelt. Als Isla eintrat, sah er auf. „Ich lebe noch“, sagte er.

„Das freut mich außerordentlich“, sagte Isla trocken. „Kommen Sie.“

Er stand auf und folgte ihr ins Behandlungszimmer. Dort deutete sie auf den Stuhl neben der Liege. „Setzen Sie sich. Und jetzt sehe ich mir an, was Sie angestellt haben.“

Mr. MacMillan setzte sich mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der fest entschlossen war, sich nicht anmerken zu lassen, dass die Sache deutlich mehr weh tat, als ihm lieb war. Isla zog Handschuhe an, legte sterile Kompressen bereit und sah zu ihm auf.

„Bevor ich das aufmache: Wann ist es passiert?“

„Vor vielleicht zwanzig Minuten.“

„Und es war eine Säge?“

„Leider ja“, sagte er. „Eine Säge.“

„Sie geben sich wirklich Mühe.“ Isla hob kurz den Blick. „Das erklärt, warum Sie aussehen, als hätten Sie mit besonderem Nachdruck gegen die Vernunft gearbeitet.“

Ganz vorsichtig begann sie, das blutige Tuch zu lösen. Darunter kam ein tiefer, klaffender Schnitt an der Handfläche zum Vorschein, schräg über dem Daumenballen auslaufend. Das Blut lief noch stetig nach, und die klaffenden Wundränder ließen bereits erkennen, dass die Säge tief ins Gewebe gegangen war.

Ein ganz normaler Vormittag in Kilmore Bay

Isla wurde sofort stiller. „Das ist tiefer, als ich gehofft hatte“, sagte sie.

Mr. MacMillan sah auf seine Hand hinunter, als gehöre sie im Augenblick nur eingeschränkt zu ihm. „Das hatte ich fast vermutet, als sie anfing, sich derart zu benehmen.“

Sie nahm eine frische Kompresse, übte gezielten Druck aus und sah sich die Wunde genauer an.

„Bewegen Sie den Daumen einmal“, sagte sie.

Er versuchte es. Die Bewegung war möglich, aber eingeschränkt. Er führte sie vorsichtig aus, und der Schmerz war ihm deutlich anzumerken.

Isla nickte kaum merklich. „Noch einmal gegen Widerstand.“

Sie legte zwei Finger gegen den Daumen. Die Beugung war vorhanden, aber deutlich abgeschwächt. Danach prüfte sie die Sensibilität und Durchblutung. Beides war unauffällig.

„Sie haben nicht nur die Haut erwischt“, sagte sie ruhig. „Die Wunde geht deutlich tiefer, und die eingeschränkte Bewegung macht mir Sorgen wegen einer Sehne. Ich betäube das jetzt, spüle gründlich und sehe mir dann an, wie weit die Säge tatsächlich gegangen ist.“

Mr. MacMillan sah sie an. „Das klingt, als hätte ich Auswahlmöglichkeiten.“

„Haben Sie nicht. Aber ich erkläre Ihnen gern, was ich tue.“

Isla zog den Instrumententisch näher und legte alles bereit, was sie für die Versorgung brauchte. Steriles Instrumentarium, Spüllösung, feines Nahtmaterial, Lokalanästhetikum und die sterilen Tücher. Dann stellte sie die Lampe so ein, dass sie die Wunde gut ausleuchtete.

Ruairidh saß hinten an seinem gewohnten Platz am Fenster, einen Tee vor sich. Schon auf den ersten Blick sah Isla, dass etwas nicht stimmte. Weil seine Schultern nicht in ihrer üblichen störrischen Breite im Raum lagen und er völlig still saß. Bei einem Mann wie ihm war gerade das verdächtig. Seine Atmung war flach, zu schnell und obwohl er mit jener grimmigen Würde dasaß, mit der er vermutlich beabsichtigte, allen Anwesenden Gesundheit vorzutäuschen, sah man ihm an, dass schon das Sitzen ihn Kraft kostete.

Isla ging ohne Umweg zu ihm. „Ruairidh.“

Er sah auf und schon diese kleine Bewegung schien ihn mehr anzustrengen, als ihm lieb war. „Ach“, sagte er heiser. „Jetzt schicken sie also schon dich. Das Dorf wird aufdringlich.“

„Das Dorf hat vermutlich recht.“

„Das behauptet das Dorf gern über sich.“

Sie blieb vor ihm stehen und sah ihn an, ruhig und ohne Eile. Aus der Nähe war es noch deutlicher. Die Haut war grau unter der Wetterfarbe seines Gesichts, seine Lippen blass und jedes zweite Atemholen wirkte, als müsse er ihn bewusst tiefer ziehen, als sein Körper gerade zuließ.

„Seit wann ist das so?“

„Seit wann ist was so?“

Ein Patient wider Willen.

 

„Ruairidh.“

Er verzog leicht den Mund. „Seit alle beschlossen haben, mich wie einen morschen alten Schrank zu behandeln, der jederzeit zusammenbrechen könnte.“

„Das war keine Antwort.“

„Dann war es vielleicht auch keine Frage, die mir gefällt.“

Isla zog den Stuhl ihm gegenüber zurück und setzte sich, weil es bei Männern wie ihm oft klüger war, sich nicht über sie zu stellen. „Du bekommst schlecht Luft.“

„Unsinn.“

„Du klingst, als würdest du seit drei Tagen Kieselsteine husten.“

„Das ist poetisch und beleidigend.“

„Und trotzdem richtig.“

Er sah sie an, störrisch, erschöpft und mit jener merkwürdigen Mischung aus Trotz und Müdigkeit, die kranke Menschen manchmal hatten, wenn sie nicht krank sein wollten. Isla ließ ihm den Blick. Hinter ihnen wurde im Pub leiser gesprochen und vorsichtiger. Niemand tat es auffällig, aber jeder hörte zu. Isla ignorierte die Worte. „Komm mit.“

Er zog kaum merklich die Brauen zusammen. „Nein.“

„Doch.“

„Ich sitze.“

„Das sehe ich.“

„Dann ist doch alles geklärt.“

Ihre Stimme blieb ruhig, beinahe freundlich, aber nichts daran ließ offen, dass sie meinte, was sie sagte.

„Ruairidh, ich diskutiere das nicht lange mit dir. Du siehst nicht gut aus und du atmest, als würdest du schon das hier zu viel finden. Du kommst jetzt mit in die Praxis und dann sehe ich dich ordentlich an.“

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